Wie soziale Medien mir beinahe den Spaß an der Fotografie raubten.

Am Anfang war alles "Gefällt mir".

Als ich so richtig mit der Fotografie begann, da gab es das Internet schon. In unübersichtlichen Foren mit grausamen Hintergrundfarben tauschten wir uns umständlich aus über gute Musik, pixelige Videospiele und melancholische Poesie.

 

Das erste Mal Fotos öffentlich gezeigt habe ich seinerzeit auf Myspace. Es folgten unzählige andere Foto-Communities, Portale und Magazine, und schließlich: Facebook.

 

Allen gemeinsam war, dass man auf einmal ein riesiges Publikum mit den eigenen Werken erreichte, bewundert wurde und gleichzeitig hunderte, ach, tausende andere Künstler und Gleichgesinnte überall auf der Welt finden und ihre Fotos sehen konnte. Am Anfang fand ich das super. Am Anfang war alles "Gefällt mir".

Wer vergleicht, kann nur verlieren.

Welche Gefahr diese ständige Sichtbarkeit und Bewertung der eigenen, aber auch fremder Arbeiten in sich birgt, wurde mir erst innerhalb des letzten Jahres bewusst. Denn mitnichten ist es ja so, dass man in dem, was man tut - in meinem Fall die Fotografie, es gilt aber auch für alles andere, was man nach außen trägt, sei es Kunst, Musik oder ein Selfie - der Beste der Besten ist.

Es gibt immer ein Foto mit mehr Likes, ein Video mit mehr Klicks, einen Artikel, der öfter geteilt wird. Wer vergleicht, kann nur verlieren.

Und irgendwann beginnt man, das persönlich zu nehmen. Warum wurde mein Bild weniger geklickt? Liegt es an mir? Bin ich zu schlecht? Ist meine Arbeit zu uninteressant? Die Selbstzweifel nagen mit jedem Tag mehr. Man gerät in einen Kreislauf aus eigenem Anspruch, tollen Dingen, die man bei anderen sieht und selbst gerne erreichen würde, und dem immerwährenden Zwang, irgendetwas besser zu machen. Denn das Internet ist voller Leute, die alles, was man selbst tut, irgendwie besser können.


Die Welt dreht sich weiter, auch wenn Du nichts bei Facebook postest.

Bevor ich so richtig begriffen hatte, was der permanente Druck des Anerkennungskampfes im Internet mit mir machte, hatte meine Kreativität schon die Segel gestrichen. Keine Ideen mehr, keine Lust, irgendwelche Fotoshootings zu organisieren, die ich so (nur halt besser) schon zig Mal bei Facebook & Co. gesehen hatte. Ende, Aus.

 

Monatelang machte ich überhaupt keine Fotos mehr, bis ich irgendwann mit meinem Partner begann, während unserer Spaziergänge und Reisen wieder zu fotografieren. Einiges davon habe ich irgendwo gepostet, das Wenigste jedoch auf Facebook oder anderswo, wo es einer starken Beurteilung ausgesetzt wäre. Überhaupt poste ich nur noch wenig auf Facebook und konsumiere allgemein viel weniger fremdes Bildmaterial. Und - wer hätte das gedacht: es schadet mir kein bisschen. Ganz im Gegenteil.

Das "Mach Dich rar"-Syndrom und der Ausweg aus der Like-Falle.

Ohne den Druck, eine bestimmte Anzahl von Likes zu generieren oder meinem Stil treu zu bleiben (was auch immer die User als meinen "Stil" definiert hatten), kam die Freude an der Fotografie zurück. Wenn ich nun doch mal wieder ein Bild hochlade, bekommt es viel mehr Likes, als vergleichbare Bilder früher. Ein spannender Effekt, verursacht durch den selbstverordneten Ausbruch aus der Like-Falle. Nachahmen durchaus empfohlen.

Wie nehmt ihr das Ringen um Likes, Follower und Anerkennung im Internet wahr? Beeinflusst es euch auch so stark, oder habt ihr andere Erfahrungen gemacht? Teilt eure Sichtweise in den Kommentaren!

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Kommentare: 11
  • #1

    Jan (Dienstag, 29 Dezember 2015 17:49)

    Sehr hintergründige Gedanken von dir. Hier meine Erfahrungen/ Gedanken zu Internet & fotografieren:
    Fotografieren ist für mich ein Hobby. Ich betreibe es auch dank des Internets seit ein paar Jahren wieder ambintionierter. Durch das Teilen bei Instagram gewinne ich Feedback, zum Teil auch dadurch, dass die Bilder die ich selbst "super" finde nur wenige Likes kriegen.
    Mich stört es nicht.
    Das Rarmachen welches du beschreibst dagegen versuche ich ich von Zeit zu Zeit auch. Besonders dann wenn ich das Gefühl habe immer und immer wieder ein und das selbe Fotomotiv abzulichten.
    Schlußendlich mache ich meine Bilder für mich, einige wenige für andere und noch weniger "im Auftrag von"
    Abschließend, durch das Internet gewann ich wieder die Lust am fotografieren, steure aber bewußt wie stark ich mich von der Lust zu zeigen dort beeinflussen lasse.

  • #2

    angela (Mittwoch, 30 Dezember 2015 11:10)

    Danke für deine Ehrlichkeit. Dass selbst du, die du beeindruckende Bilder machst und deutlich klüger tweetest als andere, an dir zweifelst, ist eine wichtige Botschaft an alle, die im bunten Social-Media-Grüppchen mitmischen. Ein Trost. Denn es ist doch so: Alle sind supertoll, da sie bevorzugt ihre Goldseite präsentieren. Was wir sehen, ist nur ein Ausschnitt. Um uns herum wird dort geprotzt, wo eigentlich die Geldsorgen sitzen, wird gelächelt, wo der Liebeskummer nagt.

    Irgendwann siind wir nur noch von scheinbaren Erfolgsmenschen umgeben, alle lustig, alle cool, alle furchtbar originell. Sobald wir anfangen, diese Welt für echt zu halten, beginnen die Selbstzweifel. Wir können doch gar nicht mithalten, das hast du einleuchtend beschrieben.

    Mein Druck rührt gar nicht so sehr von den vielen tollen Texten her, die ich lesen darf, denn gleichzeitig lese ich auch viel Mist, so dass sich das relativiert. Und manchmal staune ich zwar, weil jemand auf ein simples „Guten Morgen“ zwanzig Favs bekommt (statt zwei bis vier, so wie ich). Aber daran gleich mehr Beliebtheit abzulesen, wäre fatal; vielleicht liegt es an der Uhrzeit oder an tausend anderen Favs in alle Richtungen? Man sollte sich nicht vergleichen, wo die Umstände nicht deutlich sind.

    Mein persönlicher Druck steigt jedoch, wenn ich sehe, wie konsequent andere ihren Weg gehen. Wie sie sich von Veröffentlichung zu Veröffentlichung steigern, indem die Verlage besser werden oder die Texte länger. Wie sie immer mehr Lesungen veranstalten, immer mehr Follower bekommen, sich einen Namen machen und den als Marke stetig ausbauen. Wie sie Rampensäue sind und sich mit ihrer ganzen Persönlichkeit aufs Parkett begeben, ganz so, wie sich das Verlage wünschen. Sie haben die Zeit, die Geduld, den Nerv, konzentrieren sich, was auch immer. Ich hoffe, um nicht zu verzweifeln, sie haben eben keinen anderen Vollzeitjob und keine jungen Kinder. Kann mich aber des Vergleichens nicht entziehen. Und muss dann wieder umdenken: Es ist nur ein Ausschnitt, den ich sehe. Man sollte nur sein eigenes Leben anschauen und gucken, ob es gerade vorwärts oder rückwärts geht. Bist du glücklich mit deinem Maserati, kann dir der Porsche deines Nachbarn scheißegal sein.

  • #3

    Mario Torres (Freitag, 01 Januar 2016 09:57)

    Nun ich kann nicht genau sagen, wann und warum ich FB beitrat. Diese "likerei"
    hat mich nie ergriffen, liegt auch daran, dass ich überhaupt keine Wettbewerbseigenschaften besitze.
    Ich like was mir gefällt, ich kommentiere, wenn ich finde, es ist ok.
    Ob ich nun 100 likes habe oder irgend so ne Reichweite ereiche ist mir schnurz.
    Ich will Bilder sehen, Kontakte knüpfen, evtl. selbst jemand zu nem Shooting einladen oder auf deren Anfrage antworten und wenns klappt ok ansonst habe ich dann eben Freizeit.
    Ich denke das hat mit der "Jäger-Sammler-Deffinizion" zu tun und ich scheine Sammler zu sein.
    FB regt meine Ideen an, wenn ich ein Bild sehe und überlege, ob ich das auch kann und wenn ja wie oder wo oder wann und mit wem.

    Gruß Mario

  • #4

    Arno (Freitag, 01 Januar 2016 10:59)

    Ich sehe das so wie der Mario.
    Diese ganze like Geschichte wird doch überbewertet. Wenn mir etwas gefällt dann möchte ich das auch mitteilen, wenn mir etwas nicht gefällt scrollen wir doch eh weiter
    Lasst euch nicht entmutigen , wenn ihr der Meinung seit das Foto ist es Wert zu zeigen dann macht es einfach-- es gibt immer noch viele die sich daran erfreuen

  • #5

    Petra (Freitag, 01 Januar 2016 11:39)

    Interessante Gedanken, treffen auf mich aber so gar nicht zu. Mir geht es auch eher wie Mario, dass ich mir gerne Bilder anderer Leute anschaue, um neue Ideen zu bekommen. Ich frage mich gerne "Wie hat der/die das gemacht? Könnte ich das auch?" Und dann fangen die Überlegungen nach der dahinter steckenden Technik und den mir gegebenen örtlichen Möglichkeiten an.
    Meine eigene facebook-Seite ist rein privat. Bilder, die ich dort poste, sehen nur meine Freunde und ich freue mich natürlich, wenn sie ihnen gefallen. Deswegen stell ich die Bilder ja da rein. Ich weiß aber auch, dass die allerwenigsten selber mit Fotografie etwas am Hut haben, und auch wirklich grottige Bilder supertoll finden können. Da wird kein Unterschied zwischen einem wackeligen Handy-Schnappschuss oder einem aufwändigen Kamera-Foto gemacht. Insofern sehe ich die Qualität meiner Fotos dort nicht in einem Zusammenhang mit der Anzahl der Likes.
    Auf anderen Plattformen (500px z.B.) hängt die Anzahl der Likes mehr von der Bildqualität ab, aber auch extrem vom Zeitpunkt des Uploads! Das sind für mich Ecken, um mal ein bisschen den "Marktwert" zu testen oder Feedback zu bekommen, aber davon hängt nicht mein Leben ab.
    Ein gutes Foto ist eines, das MIR gefällt. Kann sein, dass ich es in 1-2 Jahren mit zusätzlichem Wissen und Können ganz schrecklich finde. Aber wenn ich zum jetzigen Zeitpunkt mit meinem Ergebnis zufrieden bin, ist alles gut - Likes hin oder her. Und wenn ich nicht zu dem Ergebnis komme, das ich gerne hätte - da nutze ich das Internet und die sozialen Medien, um mich selber dahin zu bringen, wo ich hin will. Stress macht mir das überhaupt nicht.

  • #6

    Sabine Fabijenna Diebold (Freitag, 01 Januar 2016 13:11)

    Super Beitrag - genau so geht es mir jedesmal, wenn ich mir zuviel "Andere" auf FB anschaue, die ähnlich arbeiten wie ich, bekomme ich keine eigenen Ideen mehr, fühle mich manchmal schlechter als die Anderen usw. Gerade jetzt eben, als mir dieser Artikel unter kam, hatte ich wieder beschlossen, nicht mehr rechts und links zu gucken, das ist das einzige was hilft, bei sich zu bleiben. Gerade wenn man sich in einer eher schlechten Lebensphase befindet, können einen die immer nur tollen Beiträge mehr runterziehen als nötig. Sofern man nicht rechtzeitig die Reißleine zieht. Wenn man eh gut drauf ist, schaut man sich sowieso nicht so um, weil man sich so in seiner Mitte befindet, und deshalb eigenen Ideen hat und mit deren Umsetzung beschäftigt ist.

  • #7

    Claus Rose (Freitag, 01 Januar 2016 19:45)

    Hallo Anne,

    deine Gedanken kann ich nachvollziehen und unterstreichen. Erlaube mir zwei Anmerkungen:

    Normalerweise kommentiere ich kaum Beiträge, weder hier noch auf FB oder anderen sozialen Medien. In deinem Fall gibt es einen Unterschied: du hast in der Einleitung vom Zeitpunkt deines Einstieg ins Web 2.0 berichtet. Das macht dich zu meiner Seelenverwandten. Ich selbst ging im Jahr 2000 mit meiner ersten Foto-Webseite online. Damals gab es noch das Web 1.0 (was natürlich nicht so hieß), also ein Web mit statischen Seiten und ohne Interaktionen. Meine Webseite war sehr erfolgreich: innerhalb kürzester Zeit habe ich es geschafft, meine Fotos auf die Online-Portale der Fernsehsender und Magazine zu bringen. Ich ritt auf einer Erfolgswelle, da ich offenbar den richtigen Zeitpunkt des Einstiegs gewählt hatte. Heute kann ich nicht mehr mithalten, denn jüngere, erfolgreichere, hippere Leute stehen im Mittelpunkt, zeigen angesagtere Fotos, deren Bildstil mir nicht liegt, und reiten eine Erfolgswelle, die mit der "Gefällt mir"-Gesellschaft kompatibel ist. Auf diese Welle habe ich den Sprung nicht geschafft, da mir neben den genannten Gründen auch Zeit und Lust zur dauerhaften Präsenz in den neuen Medien fehlen. Ich frage mich wie du, wie man täglich, sogar stündlich auf FB posten und zugleich berufstätig sein kann. Da in der Fotografie wie im richtigen Leben alles, was kommt, auch wieder geht, wird auch diese Welle im Sand verebben, und neue Leute werden Erfolge feiern. Dann werden auch die heutigen Rampensäue auf Normalmaß zurück gestutzt und ihre Fotos in erster Linie nur noch für sich, ihre Kundschaft oder ihre Bekannten machen. Und das ist viel genug!

    Ein Gedanke zur Kunst in der Fotografie. Ich bin der Auffassung, dass selbst ein wirklich künstlerischer Ansatz mit der Likemanie inkompatibel ist. Wer glaubt, Spitzenreiter im Like-Sammeln sein zu müssen, ordnet sich einem Mainstream unter, der dem Grundgedanken der Kunst widerspricht: Kunst muss gegen den Strom schwimmen, Gedanken von Außenseitern offenbaren und Ideen präsentieren, die im direkten Vergleich schon allein deshalb scheitern, weil sie nicht vergleichbar sind. Was soll denn Kunst an einem Bildnis sein, das es schon tausendfach im Internet gegeben hat? Wie können sich Fotografen auf die Brust trommeln, die nichts weiter tun, als fremde Bilder nachzuahmen? Also vergiss es, "tolle Dinge, die man bei anderen sieht und selbst gerne erreichen würde", zu fotografieren und mache dein eigenes Ding. Fotografiere das, was du siehst, oder inszeniere das, was du träumst. Dann bist du mit dir selbst im Reinen, verlierst nicht deine Kreativität und bist auch nie wieder auf diese Noname-Likes angewiesen, von denen du dir im richtigen Leben so wenig wie von Monopoly-Geld kaufen kannst.

    Liebe Grüße
    Claus

  • #8

    Pam Meier (Sonntag, 03 Januar 2016 15:59)

    Hi Anne, ich habe mir zu Deinem Blogeintrag weitere Gedanken gemacht:
    http://bloomoose.de/2016/01/03/ernst-ist-das-leben-heiter-die-kunst/

  • #9

    Gerd (Donnerstag, 26 Mai 2016 14:07)

    Hallo Anne,
    als einer Deiner Schüler erstmal ein großes Kompliment zur Homepage und zu diesem Beitrag.
    Mir geht und ging es ähnlich, nur kann ich es nicht so gut formulieren wie Du. :)
    Liebe Grüße
    Gerd

  • #10

    Johana Chester (Donnerstag, 02 Februar 2017 15:01)


    Hi there to all, how is the whole thing, I think every one is getting more from this website, and your views are pleasant in favor of new viewers.

  • #11

    Alesha Shah (Donnerstag, 02 Februar 2017 23:27)


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